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Ernst und nachdenklich wirkte das ORL-Team vom Universitätsspital Zürich am frühen Abend des 14. Dezember 2017, nicht oder noch nicht so fröhlich, wie man es hinsichtlich des bevorstehenden Weihnachtessens erwarten könnte. Dies war verständlich, bekam doch das Team Erstaunliches und Kritisches im Vortrag „Was Ärzte von Piloten lernen können“ zu hören, teils – bei einem Filmausschnitt – auch zu sehen.

Der Referent, aktiver Militärpilot mit medizinischer Zusatzausbildung, bot Anregungen bzw. Einwände zu gängiger Praxis, die ich subjektiv wie folgt zusammenfasse:

  1. Materialanordnung. Warum ist sie nicht in Operationssälen und Laboren überall gleich, beispielhaft „der Defibrillator stets in der dritten Schublade“? Wäre es so, würde es die Orientierung wesentlich vereinfachen und üble Zeitverluste durch Suche, etwa seitens neuer Kräfte, zu verhindern helfen.
  2. Abläufe. Ein indischer Pilot und ein amerikanischer Kopilot können erstmals zusammenfliegen und problemlos in Kloten landen, auch wenn sie bis anhin diesen Flughafen noch gar nicht kennen. Dies sei in der Luftfahrt durch Standardisierung möglich und ein striktes, auf Laien vielleicht stur anmutendes Arbeiten nach vorgeschriebenem Vorgehen.
  3. Für dieses Vorgehen gibt es Checklisten. In der Reihenfolge der aufgeführten Punkte muss die Besatzung handeln. Der Filmausschnitt zeigte die legendäre Notlandung einer Passagiermaschine auf dem Hudson kurz nach dem Start in New York. Der längst berühmte Kapitän Sullivan steuerte, der Kopilot machte die Angaben nach der Checkliste. Sie enthielt einen gravierenden Fehler, wie sich herausstellte, einen Fehler, den der Flugzeughersteller Boeing rasch korrigierte: Der Befehl, dass der Knopf zu drücken sei, um eine Klappe zu schliessen, damit kein Wasser eindringt, stand so weit hinten, dass in der wahnsinnig knappen Zeit die Checkliste so weit nicht mehr abzuarbeiten war. Dieser Punkt steht jetzt sehr viel weiter vorne.
  4. Kultur. Sowohl bei verschiedenen Hierarchieebenen als auch auf derselben Ebene sei es für Piloten klar, dass Fehler benannt würden und es nicht darum gehe, jemanden zu brüskieren, sondern die Sicherheit zu erhöhen. Bei der Diskussion nach dem Vortrag war zu erfahren, dass bei Militärpiloten die Selektion extrem ist – vier von 600 Bewerbern würden genommen -, und vermutet, dass diese strikte Auswahl der beschriebenen Kultur dienlich ist.

 

Skepsis kam gegenüber der Bewertung von Checklisten auf, durch den anerkannten Fehler, der für die 155 Passagiere und fünf Besatzungsmitglieder tödliche Folgen hätte habe können, und dadurch, dass der Erfolg der Notlandung zumindest auch günstigen Rahmenbedingungen wie etwa vorteilhaft ruhigem Wasser auf dem Fluss zu verdanken sei. Andererseits wies ein Arzt darauf hin, dass man kürzlich, vor einer Operation eine Checkliste durchgehend, auf eine in Berichten nur randläufig erwähnte Allergie der Patientin gestossen sei und das beste Vorgehen nochmals geprüft habe.

Wer auf das Arbeiten gemäss einer Checkliste beharrt, muss gewährleisten,  dass sie frei von Mängeln ist, zutreffend bezüglich Prioritäten, vollständig und klar verständlich. Sie muss ihren Geltungsbereich vorab sehr deutlich klären. Und ja, sie funktioniert nur, wenn die Ausgangslage stimmt. Manchmal sind die Agierenden auf Erkenntnisse angewiesen, die fast nur mit kriminalistischem Gespür zu erzielen sind, in der Medizin etwa, weil eine Patientin nicht mehr (ausreichend) bei Bewusstsein ist, für die Anamnese Bedeutsames in der Meinung, es sei nebensächlich, nicht mitteilt oder ein Patient aus Scham einen wichtigen Punkt verschweigt. In der ORL-Klinik fand sich, wie ein Assistenzarzt am Nachmittag jener Veranstaltung berichtete, eines Tages ein Mann mit leeren Nasenhöhlen ein. Erst im Laufe diverser Untersuchungen wurde die Ursache, zeitläufiger Kokainkonsum in gestreckter Form, ermittelt und vom Patienten zugegeben. Einen anderen, diesmal offenkundigen, gleichwohl spannenden Fall schilderte ein anderer Assistenzarzt. Ein Jogger mit Halsverletzung war zu behandeln. Er war von einem Raubvogel am Waldrand angegriffen worden. Die Moral von dieser Vorgeschichte: Entweder sich langsam wie ein Spaziergänger bewegen, weil man dann Greif- und Raubvögeln nicht als gefährlich gilt, oder einen Schutzhelm tragen. Heilung glückte in diesen beiden und weiteren erörterten Fällen, aber es gab auch tragisches Ende bei den insgesamt sechs Präsentationen.

In dem Film wirken die beiden Piloten sehr konzentriert und sehr ruhig, ohne Ablenkung und ohne den Hauch sichtbarer Nervosität. Wahrscheinlich zeigt sich hier dem Publikum eine Gemeinsamkeit mit Operateuren. Eine weitere nehme ich in einer gewissen Robustheit an. Ob über eine Notlandung an einem Flughafen in Sibirien wegen eines erkrankten oder randalierenden Fluggastes oder über einen heiklen Eingriff schnell in einer Notlage zu entscheiden ist, Mut und die Fähigkeit, später mit Besserwissern oder Nörglern und Irrtümern zu leben, braucht es allemal.

©Susi Ungricht REX

 

 

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