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Liebe Eltern, liebe KollegInnen,
verehrte Gäste  

Furcht engt Freiheit ein. Wer allein beim kurzen Fussweg nachhause eine Stelle zu passieren hat, wo mehrfach Menschen zusammengeschlagen oder ausgeraubt wurden, bevorzugt das Taxi, wählt eine andere Route oder eine Zeit, wenn zum Beispiel mit vielen Berufstätigen zu rechnen ist. Vielleicht bleibt sie oder er am Ende daheim, verzichtet auf Teilnahme an einer Veranstaltung und einen Besuch. Alle Alternativen, um der bekannten, gefährlichen Situation zu entkommen, sind stossend, eventuell gar nicht gegeben: Der Arzttermin ist nicht beliebig festzulegen, das Taxi womöglich zu teuer. Konsequenzen ziehen auch Gäste.

Von manchen sogenannten No-Go-Areas französischer Grossstädte heisst es, dass sogar Polizisten sie meiden, wenn sie nur zu zweit sind. Niemand verbietet, dort unterwegs zu sein, aber wer sich des Risikos bewusst ist, Gewaltopfer zu werden, fühlt sich nicht frei. Furcht ist folgenreich, sie zu ignorieren mitunter leichtsinnig oder dumm. Ihre Ursachen einzudämmen, ist Aufgabe der Politik und vieler anderer. Man denke nur an Fussballvereine, Verkehrsbetriebe, Halter von Kampfhunden und ihre Fürsprecher.

Furcht vor Krankheiten, schädlichen Lebensmitteln und versagender Technik fordert eben auch Medizin, Wirtschaft, Technik und Forschung heraus. Risiko, das nicht selbst gewählt ist wie teilweise im Sport,  schränkt Wohlbefinden und Entfaltungsmöglichkeiten ein, für sehr Besorgte oder Traumatisierte sowieso, darüber hinaus für durchschnittlich Gelassene. Abhängig von Alter, Geschlecht, persönlicher, familiärer, beruflicher Situation, Lebenserfahrung etc. mögen sie im Einzelnen unterschiedlich urteilen, in Extremlagen jedoch stimmen sie eher überein.

Während die „Goldene Regel“ (s. Archiv 1. März 2014) das Individuum betont, hat die Philosophin und Politikwissenschaftlerin Judith N. Shklar (1928–1992) ein Ideal formuliert, das die Rahmenbedingungen einbezieht: „Jeder erwachsene Mensch sollte in der Lage sein, ohne Furcht und Vorurteil so viele Entscheidungen über so viele Aspekte seines Lebens zu fällen, wie es mit der gleichen Freiheit eines jeden anderen erwachsenen Menschen vereinbar ist.“

Dieser Lehrsatz stammt aus dem Essay „Der Liberalismus der Furcht“, abgedruckt in dem gleichnamigen kleinen Buch (Berlin 2013, S. 26 f.), und fand erhebliche Beachtung, beispielsweise in ausführlichen Rezensionen in der NZZ (8.10.2013 und 4.10.2014). Shklar hat formuliert, was etlichen Hörbeeinträchtigten aus eigener Erfahrung sofort einleuchtet. Leute, die nachfragen, weil sie nicht auf Anhieb verstanden haben, sind kognitiv schwach, oder? Ist der Hörtest aussagekräftig oder durch einen technischen oder Bedienungsfehler oder eine Unaufmerksamkeit der Testperson fehlerhaft? Sind die Batterien zuverlässig? Sind medizinische Kenntnis und Versorgung so gut sind wie im Reiseführer beschrieben? Bildet eine CI-Operation ein Wagnis, ein unverantwortliches Abenteuer? Kann ich dies oder jenes unternehmen wie Gleichaltrige ohne Handicap oder muss ich mit gravierenden Pannen wegen Hörproblemen rechnen? Soll ich besser mit fauler Ausrede absagen? Ist es klug, an der Versammlung aufzutreten, bei der ich zum Thema Bedeutendes beisteuern könnte? Werde ich akzeptiert?

Auf subtile Weise sehen sich rechtschaffene Menschen gedrängt, gegen ihren Willen etwas zu tun oder zu lassen. Mit ihrer Erfahrung oder vorausahnend glauben sie zu erkennen, was aus ihrem Entscheid hervorgehen wird. Wenn in dem einen Fall neue oder weitere Probleme zu erwarten sind, im anderen es ohne Schwierigkeiten ablaufen wird, ist der Entscheid vorgezeichnet. Soweit, so gut. Wer Chaos im Unternehmen oder Lawinengefahr ausweicht, handelt vernünftig und vorbildlich. Was soll daran schlimm sein? Nichts. Übel wird es, wenn der Grund beziehungsweise die Einschränkung eines Entscheids mit einem Handicap zusammenhängt und dabei die subjektiv geringe Wahlfreiheit unnötig wäre – überflüssig, gäbe es nicht Unkenntnis, Vorurteil und Unüberlegtheit, technische Defekte und andere Unzulänglichkeiten, kurz Mängel, die zumindest reduzierbar sind.

Der Umfang dieser Defizite ist kaum objektiv messbar. Neben rationalen Bewertungen spielen Empfindungen eine erhebliche Rolle, bei Betroffenen und ihren Angehörigen anders als bei Fernstehenden. Wichtig für alle, für die gesamte Gesellschaft sind die Anerkennung der permanenten Aufgabe, den Blick für die Hindernisse freier Entfaltung zu öffnen, und die Bereitschaft zu fortwährender Verbesserung. Diese Arbeit kann man nicht an die Leidtragenden oder eine bestimmte Berufsgruppe delegieren.

Die Tätigkeit ist sehr anspruchsvoll. Denn es wirkt etwa in Anbetracht aller möglichen und tolerierten Kombinationen privaten Zusammenlebens und so mancher, einst verpönter Verhalten fast paradox, heutzutage irgendein Hemmnis der Freiheit auszumachen. Folter droht bei uns längst nicht mehr. Unser Rechtsstaat geniesst hohes Ansehen. Doch das Prädikat „Alles bestens“ wäre irreführend. Es gibt Barrieren in Gefühlen und Gedanken, in Köpfen, Bauten und öffentlichen Räumen, Absperrungen, die bedeuten: Bis hierhin und dann nur für Waghalsige weiter. Solche Barrieren können zur Unfallverhütung oder des Anstands wegen gewollt sein. Wenn sie von einer chronischen Krankheit oder einem Handicap verursacht sind und bestehen, obwohl sie abbaubar oder gänzlich vermeidbar sind, künden sie von gleichgültiger oder willkürlicher Benachteiligung und Ungerechtigkeit. Letztere, so schreibt die Harvard-Professorin Shklar in ihrem Buch „Ganz normale Laster“, wandelt sich mit Erkenntnisgewinn. Eine Naturkatastrophe, die früher ein Schicksalsschlag war, nicht vorhersehbar und nicht vorbeugend zu bekämpfen, kann mit aktuellen Möglichkeiten u.a. von Warnsystemen eine Ungerechtigkeit darstellen. Fatalistische Hinnahme wäre strafwürdig.

©Susi Ungricht REX

 

 

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