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Liebe Eltern, liebe KollegInnen,
verehrte Gäste

Im Februar 2018 steht wieder ein Besuch im „Theater am Hechtplatz“, Zürich, auf dem Programm der Audiopädagogischen Praxis. Einmal mehr ist das Interesse von Eltern, deren Kinder ich aktuell betreue oder früher therapierte, gross, soweit die Aufführung noch altersgerecht ist. Es freut mich sehr, dass sich spontan eine Kindergärtnerin für ihre Gruppen anschloss und begeistert anmeldete. „Neues vom Räuber Hotzenplotz“ heisst das Stück. Bei guter Vorbereitung wird es die Kinder gewiss sehr beeindrucken.

Live spricht uns, Junge und Alte, viel mehr an als beispielsweise ein Film. Wer hört, wie Kinder, die in den vergangenen Jahren dabei waren, sich sehr genau erinnern, von sich aus an- und aufgeregt erzählen und mehr Vorstellungen herbeisehnen, wird diese verbreitete Einsicht bestätigen.

Ähnliche Wirkung wie das Theater kann der Zirkus entfalten. Er kommt Henning Mankell in den Sinn, wenn er an seine Kindheit denkt. „Ich weiß nicht, ob es noch Zirkusse gibt, die herumreisen und ... diese kleinen Ortschaften besuchen und die öden Gesetze der Schwerkraft und der Normalität außer Kraft setzen. Wenn nicht, ist es der Beweis dafür, dass inmitten all des Wohlstands und der wirbelnden, ständig überraschenden technologischen Entwicklung eine schleichende Verarmung voranschreitet. Auch wenn man das Beste vom Besten der Zirkuskunst im Internet oder im Fernsehen betrachten kann, wird es stets nur eine blasse Kopie sein. Zirkus setzt voraus, dass man anwesend ist und Zeuge der Verwandlung. Man muss im selben Raum sein wie Akrobaten und Jongleure.“  (1)

Allerdings verpuffen die tiefen Spuren von Theater- oder Zirkusbesuch, wenn er sich häuft und ein Kind ihn etwa im Advent durch Einladungen von lieben Angehörigen innert Kürze mehrfach erfährt. Die Aura des Einmaligen oder zumindest Besonderen geht verloren, manches vermischt sich und der Reiz lässt nach. Wie schön kann der Gedanke sein, dass bald ein bestimmtes Ereignis oder eine Jahreszeit bevorsteht und es dann den  traditionellen Ausflug, spezielles Essen oder eben Theaterbesuch gibt.

Für Familien aus Zürich und Umgebung bietet sich hierzu auch jene Zeit an, da üblicherweise Pause herrscht, nämlich der Sommer. Das „Theaterspektakel“ mit seinen vielen Darbietungen, oft improvisiert anmutend, tatsächlich meist sorgfältig einstudiert, eignet sich für geplante wie für spontane Unternehmungen. Staunen garantiert!

Wehren wir uns gegen die von Mankell befürchtete schleichende Verarmung, fördern wir Phantasie und Intellekt der Kinder auf vielfältige Weise. Kann der Räuber mit seiner vermeintlichen Abenteuerlust und Freiheit zum Vorbild werden? Wäre es schlimm, sollte ein Fünfjähriger verkünden: „Wenn ich gross bin, werde ich Räuber“? Das Ziel Räuberhauptmann wäre besser, meinen womöglich karriereorientierte Eltern aus kriminellem Milieu enttäuscht und grübeln: Was haben wir in der Erziehung falsch gemacht? Diese Sorge erübrigt sich für gesetzestreue Erwachsene. Mit heimlichem Schmunzeln können sie über Schattenseiten und Moral dieser vorübergehenden Berufswahl sprechen, aber sie dem Kind vorwurfsvoll auszureden wäre übertrieben. Es ist wunderbar, wenn die jungen Zuschauerinnen und Zuschauer ergriffen und konzentriert dem Drama und seiner Hauptfigur folgen und sich noch länger hiermit beschäftigen. Die Wirklichkeit mit ihren Anforderungen drängt die Fiktion früher oder später zurück, bei Jugendlichen und Älteren mit intensiver Handynutzung leider schon an der Garderobe.

„Kommen Sie mit oder muss ich mitkommen?“ fragte in den 1930er Jahren der Kabarettist Werner Finck sein Publikum, wissend, dass dort auch Spitzel der Nationalsozialisten sassen. 1934 provozierten dieses Wortspiel und anderes die Machthaber so sehr, dass sie ihn in ein Konzentrationslager deportierten. Zwar wurde er bald entlassen, aber mit Arbeitsverbot. „Ich hatte unfreiwillig viel Zeit“, erinnert er sich. „Was sollte ich machen? Ich heiratete.“ (2)

Im Theater am Hechtplatz kamen bis anhin alle mit. Dies ist ein Verdienst von Eltern, Kindergärtnerinnen und Lehrpersonen, die den Besuch nicht zum beliebigen Konsum geraten liessen, sondern auf Kenntnis des Stücks und Einstimmung achteten, dazu bei Hör- oder Sehgeschädigten auf angemessene Platzierung. Niemand musste vorzeitig hinausgehen, weil es unverständlich, zu beunruhigend oder nervlich zu belastend wurde. Altershinweise und individuelles Vermögen, der Aufführung über 1 ½ Stunden aufmerksam zu folgen, sind zu beachten, auch wenn Ausschluss kleiner Geschwister hart sein kann.

Vernünftig dosiert, nützt kulturelles Engagement sehr viel, nebenbei auch der Integration: Zum Publikum werden im Februar erneut Menschen mit und ohne Handicap, aus bildungsnahen und –fernen Haushalten, mit und ohne Migrationshintergrund gehören. Erstmals stösst ein Hund hinzu: Kein Wachhund zum Schutz vor Räubern, sondern ein speziell trainierter Labrador als therapeutischer Begleiter eines autistisch veranlagten Knaben.

©Susi Ungricht Rex

  1. Treibsand. Was es heißt, ein Mensch zu sein. München 2017, S. 290
  2. Oliver Hilmes: Berlin 1936. Sechszehn Tage im August. München 2016, S. 253

 

 

 

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