Herzlich willkommen bei www.audiopaedagogik.ch

Liebe Eltern, liebe KollegInnen,
verehrte Gäste

Es ist mir sympathisch, wenn jemand mit profundem Wissen und nach viel Kopfzerbrechen ehrlich und mutig eingesteht: Hier stosse ich an meine Grenze. Ich schweige. (1)

Diese Haltung nimmt der Schweizer Theologe Hans Küng zu der Frage ein, wie Gott – für Christen allmächtig und gütig - immer wieder individuelles Leid, Naturkatastrophen und Seuchen, Kriege und Massenvernichtungen zulassen könne. Gott gewähre den Menschen Freiheit auch zum Bösen, lautet eine gelegentlich versuchte Erklärung, die hinsichtlich Erdbeben und Tsumani nicht taugt, bezüglich dem Atombombeneinsatz in Hiroshima und dem russischen Archipel Gulag wohl eher provoziert, zweifeln und verzweifeln lässt als überzeugt. Die vor rund 300 Jahren vom Universalgelehrten Leibniz ersonnene Theodizee stellt Leid, Schmerz und Übel als wohlbegründet und mit christlicher Vorstellung von Gott vereinbar dar, aber die vielen – notabene unschuldigen – Opfer des Erdbebens von Lissabon liessen bereits im 18. Jahrhundert diese theoretischen Bemühungen an Kraft verlieren.

Dieser Konflikt erregte oft Denker und Schriftsteller, Menschen, die Atheisten oder Agnostiker waren oder es bei der Auseinandersetzung mit diesem Thema wurden, Gläubige, die Rätselhaftigkeit erkennen und meinen aushalten zu können oder zu müssen. Endgültige Antworten gibt es nicht – eine Einladung, neue Akzente zu setzen.

So bot der jüdische Philosoph Hans Jonas in seinem Festvortrag „Der Gottesbegriff nach Auschwitz“, gehalten 1984 in Tübingen, „ein Stück unverhüllt spekulativer Theologie“ mit einem Gott der Machtentsagung oder der Ohnmacht, eine umstrittene Deutung. (2) Eine Ansprache in der Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem nutzte Papst Franziskus für einen Perspektivwechsel: „Statt die Frage nach der Rechtfertigung Gottes angesichts der Leidensgeschichte der Welt aufzuwerfen (Theodizee), lässt der ... Papst ... Gott die Frage nach der Rechtfertigung des Menschen angesichts von dessen Untaten stellen (Anthropodizee).“ (3)

Freilich, diese Überlegungen beziehen sich auf Entscheide und Gewalt und helfen nicht, unbeabsichtigtes, unverschuldetes Leid religiös zu begreifen. Insofern erachte ich Küngs Eintritt für eine „Theologie des Schweigens“ (4)als konsequent und aufrichtig. Keiner der grossen Geister, die er studierte – weder  Augustin noch Thomas noch Calvin, weder Leibniz noch Hegel noch Karl Barth -, habe das Urproblem gelöst. Die bei einem Schicksalsschlag häufig gestellten, anklagenden Fragen „Warum? Warum meine Familie? Warum ich?“ müssen, soweit ich sehe, seriöse Aussenstehende für Sinnsuchende offen lassen, auch für solche, die sich nach einer zunehmend beliebter werdenden Redewendung als religiös unmusikalisch bezeichnen. 

Nicht weniger heftig, nicht weniger bitter als die Opfer eines Unglücks, Verbrechens oder Zufalls fragen umgekehrt Verschonte, weshalb sie unversehrt davonkamen, im Gegensatz zu Schwester oder Bruder ohne Handicap geboren wurden, gerade nicht am Ort der Katastrophe waren. Einfach Glück gehabt, wäre für viele eine entschieden zu oberflächliche, sogar falsche Antwort. Denn wen das Thema in Beschlag nimmt und nicht mehr loslässt, ohne zufriedenstellende Aussage, dem vermag es psychisch sehr zuzusetzen. Manche Holocaust-Überlebende belastete es derart, dass sie noch Jahrzehnte nach ihrer Rettung 1945 hieran zugrunde gingen.

Die Audiopädagogin kann mit dem Thema konfrontiert werden, auch wenn niemand spezielle philosophische oder theologische Kenntnisse erwartet oder sie solche reklamiert. Unvorbereitet, etwa bei gemeinsamem Warten im Spital, ist plötzlich die Situation da, dass eine Mutter oder ein Vater das Bedürfnis hat, hierüber zu reden, gründlich oder in der Art von Smalltalk eingebettet zwischen Bemerkungen über dies und jenes. Dann gleich zu sagen „Ist nicht mein Fachgebiet“ und Erörterung abzulehnen, wäre womöglich schroff und unschicklich. Aber es sollte stets klar sein, wann die Expertin sich äussert, wann eine persönliche Auffassung ohne fachlichen Anspruch kundgetan wird. Eine demütige Haltung, ohne Besserwisserei oder gar missionarischen Ehrgeiz, wäre angemessen. Der Verweis an Fachleute und Stellen, zu deren Profession entsprechende Erläuterung und Diskussion gehören, ist bei tiefergehendem Interesse zu erwägen.

©Susi Ungricht Rex

  1. Hans Küng: Was ich glaube. München 2. Auflage 2012, S. 233 ff.
  2. Publiziert als Suhrkamp Taschenbuch 1987. Zitat S. 7
  3. „Adam, wo bist du?“ NZZ 7. Juni 2014
  4. s. (1) S. 246. Im Original kursiv