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Liebe Eltern, liebe KollegInnen,
verehrte Gäste

Woran denken Sie bei der Formulierung „Die Zukunft im Rücken“? An den Untergang einer Kultur oder eines Reiches? An das Ende von Frauen- oder Turnverein oder die Schliessung der Post in Ihrer Gemeinde? Vielleicht kommen Betagte, abgewählte Politikerinnen oder gescheiterte Manager in den Sinn. Dies alles tönt düster.

Einen anderen, positiven Zusammenhang zeigt der Autor Ilija Trojanow. Beim Rudern, schreibt er, habe man nicht das Ziel vor Augen, sondern die Zukunft im Rücken (1), regelmässig. Ausnahmsweise gibt´s dies beim Fussball, wenn ein Spieler mit einem Fallrückzieher brilliert. Welche Freude von Fans und Ästheten, wenn dem Ballartisten aus nicht unbedingt aussichtsreicher Position ein Tor gelingt.

Die Trefferquote zu erhöhen, an diesem Streben selbst bei Schwierigkeiten festzuhalten, neue Ideen zu suchen und Methoden zu verbessern, kennzeichnet die Arbeit von Trainern. Sie dürfen nicht aufgeben, müssen jenen sportlichen Ehrgeiz bekunden, der umgangssprachlich längst andere Lebensbereiche erfasst hat. Oft ist von ihm die Rede, wenn ein Ziel als übertrieben, gar unerreichbar eingeschätzt und als kommunikative oder taktische Finesse gedeutet wird. Mit ihrer Hilfe Akteure anzuspornen und Anhänger oder Beobachter hoffnungsfroh zu stimmen oder zu beruhigen, ohne sich völlig unglaubwürdig zu machen, kann einer Gratwanderung gleichen. Sie bewältigen nur besonders Talentierte.

Mit Trainern haben Parteipräsidentinnen und Unternehmensleiter manches gemeinsam, zumal in Schwächephasen. Mir drängen sich Parallelen zu jenen auf, die sich für berufliche Integration von Menschen mit Handicap einsetzen: Berater von Arbeitsamt (RAV) und Invalidenversicherung (IV), Meisterinnen und Patrone, Fachfrauen in den Human Resources - Abteilungen und andere mehr, teils spezialisierte Psychologinnen und Pädagogen, teils als Handwerker, Ingenieurinnen oder Wirte Seiteneinsteiger bezüglich der besonderen Aufgabe. Das Spektrum ist erfreulich breit. Es zeichnet sich durch Vielseitigkeit auch seitens Menschen mit Behinderung aus, also Menschen, die laut UNO-Konvention „langfristige körperliche, seelische, geistige oder Sinnesbeeinträchtigungen haben“, notabene unterschiedlichen Alters, mit grosser, geringer oder ohne Berufserfahrung, mit viel oder wenig Lebenserfahrung.

Gemäss dem Dachverband „Inclusion Handicap“ leben in der Schweiz 1,6 Millionen Menschen mit Behinderungen (Sonntagszeitung vom 29. Januar 2017). Der Verband beruft sich auf eine Schätzung vom Bundesamt für Statistik, wie er auf Nachfrage mitteilt (Mail vom 30. Januar 2017). Leider liefert es nur eine grobe Aufschlüsselung. Detaillierungsversuche mit Angaben vom „Schweizerischen Zentralverein für das Blindenwesen“ und „Pro Audito“ führen in die Irre. Die Summe der Zahlen - 320´000 Menschen, die sehbehindert oder blind sind, und 1 Million mit Hörproblemen - so zu deuten, dass über 80% aller Behinderungen allein mit diesen beiden Sinnesbeeinträchtigungen zu erklären sind, wäre offenkundig abwegig. Es gibt beispielsweise altersübliche Einschränkungen beim Hörvermögen, die nicht zur Anerkennung „Behinderung“ führen, sei es, dass die betroffene Person dies ablehnt, sei es, dass die verminderte Hörfähigkeit von Amts wegen noch zu gut für dieses Prädikat ist.

Wie fast jede Statistik, bietet auch die hier behandelte kontroverse Deutungsmöglichkeiten. Sie spiegelt Massstäbe unseres Landes und unserer Zeit wider. Für diesen Beitrag muss sie als Hinweis zur Grössenordnung genügen. Wie viele Menschen mit Behinderung mögen im erwerbsfähigen Alter sein? Eine Annahme: Ein Viertel ist bis zu zwanzig Jahre jung, ein Viertel im Ruhestandsalter. Danach könnten auf Basis der gesamthaft – wohlgemerkt geschätzten - 1,6 Millionen rund 800´000 Beeinträchtigte in (später) Ausbildung, im Studium oder im Beruf sein, maximal. Denn Behinderungen können so gehäuft oder extrem auftreten, dass die Ausübung eines Berufs verunmöglicht ist. Frühverrentung ist der teuerste und schlechteste, wenn gleich nicht immer vermeidbare Weg.

Derzeit registriert die IV ca. 14´000 Neurenten im Jahr. Die Vergleichszahl betrug 2002 noch 30´000, wie Versicherungsfachmann Stefan Ritler an der Integras-Tagung „Inklusion, ja! – Perspektive Berufsbildung“ im März 2017 in Bern ausführte. Die Reduktion der Neurenten erstrecke sich über alle Arten von Behinderungen, mit Ausnahme der psychischen. Ritler betonte, dass heutzutage Schnittstellen und Übergängen viel mehr Beachtung geschenkt werde als ehedem. „Kein Abschluss ohne Anschluss“ lautet die Parole. Ziel sei es, dass 95% derer, die schulischen Abschluss haben, eine Lehrstelle erhalten könnten. 

Wer ausbildet, wünscht Erfolg ihrer oder seiner Lehrlinge und wird im Fall eines Handicaps überlegen, was speziell zu berücksichtigen ist: So pauschal ein Irrtum. Erstaunlicherweise kümmert dies die Berufsbildenden kaum, ja sie wissen oft nur allgemein von Besonderheiten oder Schwierigkeiten, aber nichts Genaueres. Dies jedenfalls berichtete Professorin Silvia Pool-Maag von der PH Zürich in ihrem Referat über Berufsbildende. Was werden Gesellschaft und Politik aus solchen Forschungsergebnissen ableiten? Forderungen nach Kursen, Berichten, Protokollen, Evaluationen, wie sie der Lehrerberuf zuhauf kennt und meist als Pein bewertet? Man sollte sich hüten, die Freude an der Ausbildung abzubauen, und Verbesserungen geschickter anstreben.

Um die Chancen zu steigern, dass Ausbildung und berufliche Integration gelingen, ist es fraglos von Vorteil, besondere Bedürfnisse zu kennen und sie im Umgang mit den Betroffenen und bei der Arbeitsplatzgestaltung zu beachten. Hinsichtlich Menschen mit Asperger-Syndrom empfiehlt die Unternehmerin Susan Conza, selbst von dieser Art des Autismus betroffen, ruhige, am besten schallgeschützte und störungsfreie Umgebung – ohne Telefon -, Aufgaben, die Gründlichkeit verlangen, mit Konzentration idealerweise auf nur einen Aspekt und ohne Hektik in grösserem Zeitrahmen zu lösen sind. Informatik und Grafik würden sich als Tätigkeitsfelder eignen.

Welche Berufe haben Zukunft? Was lohnt zu lernen, wenigstens für die nächsten Jahre, wenn schon die Vorstellung zum Gemeingut gehört, Berufswechsel würden für die gegenwärtig Heranwachsenden unumgänglich und normal werden? Teils fasziniert die Entwicklung von Digitalisierung und Robotik, teils macht sie unsicher und ratlos bezüglich der Auswirkungen auf die Arbeitswelt (2). Mit ihrer rasanten Geschwindigkeit fordert sie die Menschen mehr denn je heraus, sich umzustellen. Zeit, sich anzupassen, steht so wie früher bei Mechanisierung und später Automatisierung nicht mehr zur Verfügung - Neuerungen, die Landwirtschaft und Industrie umwälzten, während sie heute private Haushalte und Sphären einschliessen. Annehmlichkeiten und Erleichterungen steht der Wegfall vieler Arbeitsplätze zumal mit geringen Fertigkeiten und Einkommen gegenüber, etwa beim Wäsche- und Zimmerservice in Hotels sowie Alters- und Pflegeheimen. Doch nicht nur bei Tätigkeiten im Hintergrund bahnen sich Änderungen an. Der in Wohlstandsländern beklagte Mangel an Pflegekräften wird möglicherweise durch „Robotcare“ mit „Tragehilfen, Mobilitätshilfen im Hause und im Freien, Toiletten- und Badehilfen sowie Monitoring, also Sensoren“ (3) gelindert. Japan schreitet voran, mit bizarren Facetten: Weil es Alten an affektiver Begleitung mangelt, offeriert eine Agentur das Engagement von Schauspielern zu Besuchen.

Langfristige Ausblicke und Szenarien für die Arbeitswelt sind vage und manchmal gegensätzlich, für Menschen mit und ohne Handicap. Das Thema ist komplex, nicht nur bezüglich neuer Technologien. Exportwirtschaft und Tourismus in der Schweiz hängen mit Dürren und Kriegsgefahren in der weiten Welt, Rohstoffpreisen, Zollbestimmungen, Währungsrelationen und vielem anderem mehr zusammen. Selbst vorzügliche Qualität garantiert keinen Umsatz. Doch so wie Unternehmer imstande sein müssen, über Investitionen zu entscheiden, auch wenn Prognosen für ihre Branche und ihr Geschäft schwierig sind, gebieten es Verfassungsauftrag, Menschlichkeit und Finanzen der Sozialsysteme, couragiert möglichst viele Menschen mit Handicap möglichst gut beruflich zu integrieren. Weder Illusionisten noch Bedenkenträger oder Leute, die erst bei vermeintlich 100%iger Sicherheit zu handeln bereit sind, helfen, damit Menschen mit Behinderung zuversichtlich nach vorn, in die Zukunft, blicken können. Sorgen wir für Rückenwind!

©Susi Ungricht REX

  1. In: Meine Olympiade. Ein Amateur, vier Jahre, 80 Disziplinen. Frankfurt am Main 2016, S. 72
  2. S. Robotik und Behinderungen. Wie Maschinen morgen Menschen helfen. Studie der Gottlieb Duttweiler Institute, erarbeitet im Auftrag von cerebral. Die Studie ist unter www.gdi.ch kostenlos herunterladbar. – Der Mitverfasser Jakub Samochowiec referierte an der Integras – Tagung.
  3. Christoph Bartmann: Die Rückkehr der Diener. München 2016, S. 264

Vgl. Nachteilsausgleich. Archiv 12. August 2014

 

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