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Zunächst mehrheitlich gut geheissene oder zumindest unwidersprochene Ideen goutiert die Bevölkerung oft nicht länger, wenn die Hauptakteure unredlich wirken, Betroffene nicht eingebunden werden, wesentliche Angaben fehlerhaft sind oder die Umsetzung überstürzt erfolgt und zu ehedem unbekannten Problemen führt. Es müssen nicht alle Mängel zusammenkommen, damit die Stimmung kippt. Manchmal genügt ein Negativpunkt, etwa der Umstand, dass eine Führungsfigur unglaubwürdig geworden ist, weil sie - nach einer Redewendung - Wasser predigt und Wein trinkt.  Die Idee an sich wird dann kaum noch diskutiert: Es ist der Öffentlichkeit allzu klar, dass sie nicht taugt. Sich für die Idee weiter einzusetzen, sei tunlichst Sturköpfen oder Dogmatikern überlassen, Leuten, denen Geschmeidigkeit fehlt, um sich beizeiten auf Richtungswechsel einzustellen. So lese ich zwischen den Zeilen in neueren Kommentaren zur schulischen Inklusion. Sie sei zu teuer und nicht praxisgerecht, wird gern behauptet.

Beides zugleich zu verkünden, entbehrt nicht einer gewissen Raffinesse. Wäre sie so teuer wie im Mai 2017 NZZ am Sonntag und Frankfurter Allgemeine Zeitung schrieben, wäre also kompetente und angemessen umfangreiche sonderpädagogische Unterstützung gewährleistet, würden RegelschullehrerInnen und Eltern wohl anders urteilen. Denn ihre häufig negative Bewertung ist – in Teilen – genau umgekehrt verursacht, also auf Kürzung der Mittel zurückzuführen. So erfuhr ich im April in Nordrhein-Westfalen, bei einem Besuch zufällig drei Wochen vor den Landtagswahlen. Es hingen schon etliche Plakate von Parteien, auch von jener, die die Bildungsministerin stellte. Allein, auf überzeugte oder stolze Aussagen zur geleisteten Bildungspolitik verzichteten die Werber der Partei, vermutlich um nicht noch mehr Spott zu ernten als im berühmten Kabarett „Kom(m)ödchen“, Düsseldorf. Es benannte die Ministerin kurzerhand in „Frau Leermann“ um (auch wegen Querelen zu gymnasialen Schuljahren). Wenig später erklärte eine mir seit langem bekannte Berufskollegin aus Köln Frust und Wut wie folgt: Mit hehren Vokabeln wie gerecht, human und sozial habe die Ministerin die inklusive Schule als grossartiges Projekt gelobt, viele Förder- und Sonderschulen reduziert oder geschlossen und deren einstige SchülerInnen Regelschulen überantwortet mit sehr knappem Zuspruch an Begleitung durch heilpädagogische Fachkräfte. Inklusive Schule als Sparmassnahme!

Wen nimmt es wunder, dass diese Entwicklung kein Erfolgsmodell ist? Solche Tricks verschleissen viele Kräfte, verschleudern unwiederbringlich Potential von Kindern und Jugendlichen und beeinträchtigen den Bewusstseinswandel  hin zur Integration. Mit seriöser, langfristiger Arbeit ist derartiges Vorgehen unvereinbar. Es birgt die Gefahr, dass nicht die Methode kritisiert, sondern die Idee allgemein verworfen wird. Dies wäre aus meiner Sicht fatal. Wer pragmatisch und kompromissbereit denkt und handelt, sieht die Herausforderung der Integration als anspruchsvoll, aber erfüllbar an.

1. Man sollte den Begriff der Regelschule gemäss der Formulierung des Volksmunds verstehen: Keine Regel ohne Ausnahme. So wie es Überflieger gibt – intellektuell, sportlich etc. -, die sich im normalen Unterricht langweilen und ihre Möglichkeiten bei weitem nicht ausschöpfen, sollten Eltern und Gesellschaft anerkennen, dass sich für manche Kinder die Regelschule nicht eignet, weil sie zu wenig auf ihre speziellen Bedürfnisse – bei allem guten Willen, bei noch so vielen Sondermassnahmen – eingehen kann. Extreme Verschiedenheit zu negieren, ist weder menschenfreundlich noch klug, sondern bestenfalls naiv. Kooperationen zwischen Regel- und Sonderschulen mit gemeinsamen Ausflügen, Aufführungen, Spielen und Festen sind anzustrebe.

2. Die umstrittene Kostenbetrachtung wäre aufzugleisen. Pauschal zu teuer zu rufen, ist zu billig, wenn beispielsweise Fahrtkosten ausser Acht bleiben. SonderschülerInnen werden oft mit dem Taxi oder Kleinbus vom Wohn- zum Schulort befördert, morgens hin, abends retour. Wie geschildert, betrugen die Kosten bei einer Schülerin 85´000 CHF p.a. (s. Mit Vernunft für Integration. Archiv 2. April 2016). Selbst wer von diesem Extremfall absieht und „nur“ 60´000 CHF, also ca. 1´500 CHF je Schulwoche zugrunde legt, könnte kostenneutral – gewöhnlich unerreichte - sieben bis zehn Speziallektionen in der Schule vor Ort aufbringen. Bei grösseren Distanzen sind Kostenvorteile zugunsten der Inklusion an der lokalen Regelschule gegenüber der Sonderschule zu erwarten, gegenüber der Unterbringung im Internat sind sie sogar garantiert. Sind Journalisten über diese Fakten orientiert? Zudem: Sind Abholung zuhause gegen 6.30 Uhr und Rückkehr gegen 17.30 Uhr, mit der Folge von Separation von Altersgefährten unter der Woche sogar in der Freizeit, kindgerecht und der Forcierung von Chancengerechtigkeit dienlich? Dies kann meines Erachtens nur eine Notlösung, aber keine vorbildliche Regelung sein.

3. Auf dieser Website immer wieder thematisiert: Es gilt zu prüfen, wie es um Ausbildung, Qualifikation und Anzahl heilpädagogischer Fachkräfte mit zusätzlicher Kompetenz für betreffende Handicaps steht. Sind sie nicht ausreichend verfügbar, verliert die Idee der schulischen Inklusion an Attraktivität - nicht wahrscheinlich, sondern sicherlich. Wenn RegelschullehrerInnen den Eindruck gewinnen, sie würden zusätzlich belastet und für Aufgaben in Haftung genommen, auf die sie nicht vorbereitet sind, Eltern ihre Kinder ohne Handicap vernachlässigt, ihre mit Handicap nur laienhaft gefördert wähnen, SchülerInnen Spannungen und Unbehagen spüren, dann fehlt meist der Rückenwind von den Fachkräften, die mit ihrem Wissen und ihrer Erfahrung zu Zuversicht und positiven Erlebnissen beitragen könnten, wenn, ja wenn sie frühzeitig, mit angemessener zeitlicher Ressource und klarer Struktur hinzugezogen würden.

Zu guter Letzt ein aktuelles, hoffentlich motivierendes Beispiel aus meiner Praxis. In einer Primarschule betreue ich einen Knaben. Er hat sie altershalber Ende des Schuljahrs 2016/17 verlassen. Wie wird es mit ihm, hörbehindert und wegen kognitiver Schwäche lernzielbefreit, weitergehen, lautete im Frühjahr die Frage. Wird er exkludiert? Nein, er wechselt zur Oberstufe, bleibt in der ihm vertrauten Umgebung, weiterhin mit individueller Förderung, aber entsprechend seinen Fortschritten reduziert. Der Clou: Die Schulleitung schickt den Jungen, in Einvernehmen mit seinen Eltern, in die beste Klasse. Neid, weil dieser Mitschüler nicht am Fremdsprachenunterricht teilnehmen muss, und Konkurrenzdenken hinsichtlich Noten werden, so die Absicht, nicht aufkommen, Hilfsbereitschaft und Teilhabe animiert. Ich bin optimistisch.

©Susi Ungricht REX

 

 

 

 

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