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Liebe Eltern, liebe KollegInnen,
verehrte Gäste

In der Sterbehilfe verschieben sich in verschiedenen Ländern Europas die Akzente, mal offen diskutiert und bewusst, mal schleichend. Erst in grösserem Abstand wird klar, wie sehr sich Auffassung und Gesetzeslage innert einer Generation verändert haben.

Anfangs ging es darum, dass unheilbar Kranke mit erheblichen Schmerzen die Möglichkeit haben sollten, unter medizinischer Aufsicht aus dem Leben zu scheiden. Anders als bei laienhaftem Selbstmord sollten unnötige Qualen, das Scheitern und die Schädigung von Drittpersonen – etwa im Bahnverkehr – vermieden werden. Die Lebensmüden mussten erwachsen und zurechnungsfähig sein. Sie hatten ihren Willen beständig – nicht aus einer momentanen Laune heraus – und freiwillig, ohne jeglichen äusseren Druck beispielsweise von Verwandten, zu bekunden. Mit diesem Modell ist die Vorstellung verbunden, dass, wer sein Leben eigenständig und unabhängig gestaltet habe, auch ein Recht auf Autonomie und Selbstbestimmung hinsichtlich ihres oder seines Todes habe. Infolge dieses Rechts sei nicht von Selbstmord, also einem Verbrechen, zu reden, sondern in korrekter Sprache von Selbsttötung.

Die Alternative, also das Ausharren bis zum natürlichen Lebensende, malen Befürworter des Suizids oft schrecklich aus: Pflegefall, permanent auf die Hilfe anderer angewiesen, geistig, körperlich und psychisch desolat, einsam, ein peinvolles Dahinsiechen, hoffnungslos und ohne auch nur einen Hauch von Würde.

Ist da nicht der assistierte Suizid besser, den „ungefähr drei Viertel unserer Bevölkerung begrüssen“ (1)? In seinem Fall, auch aktive Sterbehilfe genannt, reicht die Ärztin oder der Arzt den Giftbecher, vorzugsweise mit Natriumpentobarbital (NaP), und begleitet den sterbenden Menschen. Bei der passiven Sterbehilfe wird von einer lebensverlängernden Massnahme abgesehen. Hierzu ist die Zustimmung des Kranken erforderlich, die er vorab, sollte er sich aktuell nicht mehr äussern können, in einer Patientenverfügung kundtun mag.

Suizid-Gegner führen neben weltanschaulichen und philosophischen Einwänden an, dass etwa 90% der Fälle von Selbsttötungen mit psychiatrischen Erkrankungen zusammenhängen, der Entscheid „Exit“ also überwiegend von labilen Menschen gefällt ist und nicht von jenen gefestigten Persönlichkeiten, die im Ideal der Befürworter nach erfolgreichem, selbstbestimmten Leben ihr Ende selbst regeln möchten. Die Gegner gehen davon aus, dass man viele Schwankende vom Freitod – ein irreführender, euphemistischer Begriff hinsichtlich Verzweifelter - abhalten könnte, wenn man denn wollte, und verweisen darauf, dass rund 70% der Suizidenten nach einem Fehlversuch sich hiervon dauerhaft distanzieren. Im Übrigen werde das Leben in einem Heim einseitig und übertrieben negativ gezeichnet. Die moderne Palliativmedizin ermögliche ein weitgehend erträgliches Dasein. Freilich, für das seelische Wohlbefinden müsse es geschultes Personal mit Zeit für Aufmerksamkeit geben. Hieran mangele es, häufig auch vonseiten der Angehörigen.

Gleichwohl gewinnen Freunde der Suizid-Lösung an Terrain. In der neueren Entwicklung sind einige frühere Auflagen grosszügig interpretiert oder sogar aufgehoben. Tötung auf Verlangen wird eine normale Option für alle Menschen, also auch für gesunde, die eventuell lediglich eine schlimme Krankheit oder ein Handicap befürchten. Man spricht dann von Altersfreitod und Bilanzsuizid. Eine weitere Änderung betrifft die ehedem selbstverständliche Bedingung für Suizid, dass er auf ausdrücklichem Verlangen basieren muss. Inzwischen gilt dies teilweise nicht mehr. In Belgien soll es über 1000 Tötungen jährlich auf diese Weise geben, u.a. von Dementen. Ärzte, einst als Herrgötter in Weiss kritisch und spöttisch tituliert, üben auf diesem Weg eine Macht aus, die einmalig und entschieden grösser ist als in ihrer autoritären Spitzenzeit. Wenn sie das Leben eines Patienten als sinnlos oder lebensunwert einstufen, können sie in einigen Ländern ihr Todesurteil mit kollegialer Zustimmung gleich vollstrecken. Aufwand und Mühe bei Nachbarschaftsstreit, Verkehrsdelikten etc. bedenkend, bei denen aus sorgfältiger Untersuchung und Verhandlung mit Rede und Gegenrede Freispruch, Geld- oder Gefängnisstrafen resultieren, kann die juristische Zulässigkeit des Schnellverfahrens mit finalem Ausgang nur erstaunen. Die Unverhältnismässigkeit ist offensichtlich.

Doch von allgemeiner Empörung keine Spur. Warum? Teils ist der Tod ein unangenehmes, gern verdrängtes Thema. Teils besteht Unsicherheit, ob das traditionelle Berufsbild des Arztes der Revision bedarf, demzufolge er immer zu Heilung und Lebenserhaltung verpflichtet ist – auch in seines Erachtens aussichtslosen Lagen. Erfordern die heutigen Möglichkeiten von Medizin und Medizintechnik nicht Prüfung der (rigorosen) Ethik? Es fällt schwer, allgemeingültig die Grenze zwischen dem Machbaren und Vertretbaren zu ziehen, zwischen womöglich übertriebener, gar unsinniger Anstrengung, das Leben – vorerst – zu retten, und sinnvoller oder allzu bequemer Bereitschaft, sterben zu lassen. Rhetorisch fragt Euthanasiegegner Robert Spaemann: „Muss eine 88-Jährige, die eine Hirnblutung bekommen hat und ohnmächtig ist, zwei Tage vor ihrem Tod eine aufwendige Hirnoperation über sich ergehen lassen? Und muss die Solidargemeinschaft der Versicherten damit belastet werden?“ (2) Das weitgehende Ausbleiben öffentlicher Aufregung dürfte ferner darauf zurückzuführen sein, dass manchen der „Abgang“ von Betagten zupasskommt, sei es als persönliche Entlastung, sei es als Vorteil für die Sozialsysteme. Diesen herauszustreichen, ist noch ein Tabu. Einzelne wagen schon, es zu brechen und intellektuell einzustimmen, so der Philosoph Dennis Cooley in 2013: „Da die Weltbevölkerung altert und die medizinischen Ressourcen mit dieser Entwicklung nicht mithalten können, werden Überlegungen über Pflichten zum Suizid häufiger und sehr viel drängender werden.“ (3)

In dieser Perspektive gibt es eine Gruppe, die viel attraktiver ist als die der Alten, bei denen im Durchschnitt bloss einige Jahre an Kosten einzusparen sind: Neugeborene und Kinder mit Handicap mit voraussichtlich viel grösserem Zeithorizont. Makaber? Nun, in den Niederlanden ist aktive Sterbehilfe für schwer behinderte Neugeborene bei unerträglichem Leiden, künftig schlechter Lebensqualität und Einverständnis der Eltern seit dem letzten Jahrzehnt zulässig. Medizinische Lebensbeendigung für Minderjährige erlaubt Belgien seit 2014. Vorausgesetzt werden tödliche Erkrankung und Urteilsfähigkeit. Initianten dieses (Bewusstseins-) Wandels, allen voran Spitalärzte mit täglicher Erfahrung von Leid und Not, loben die Freiheit zum Tod, die wahrhaft humanitären Leistungen, beiläufig auch die Emanzipation von veralteten Idealen und Religionen mit überholten Vorschriften. Diese Auffassung klammert die naheliegenden Folgen aus, die zu neuen Zwängen der Rechtfertigung und zu Einschränkungen bei der Freiheit zum Leben führen.

Denn wenn es legal und sogar legitim ist, mit Zuhilfenahme des dehnbaren Begriffs des unerträglichen Leidens behinderte Kinder, Jugendliche und Erwachsene zu töten, wenn dies ein Akt der Menschenfreundlichkeit und der Solidarität ist, dann bedeutet dies im Umkehrschluss, dass die Gesellschaft fragen kann, ob besondere Einrichtungen und Unterstützungen zu ihren Lasten gerechtfertigt sind:

Soll sie etwa für den Egoismus von Eltern zahlen, die die Verabreichung des Giftbechers ablehnen? Wenn die Eltern schon so uneinsichtig sind, mögen sie, bitteschön, für die Aufwendungen geradestehen.

Sollte diese Haltung voranschreiten, bildeten die schönen Worte vom Wohl der Schwachen, das alle angehe, leeres Geschwätz. Eine ausschliesslich auf Kosten und Nutzen fixierte Gesellschaft würde einen Bruch mit unserer Verfassung und Geschichte darstellen. Ein Schicksalsschlag kann jeden Menschen treffen. Plötzlich ist er am Rand. Er wird im Fall der skizzierten Tendenz nicht aufgefangen, sondern wahrscheinlich ausgemustert. Der Druck steigt, die chronisch Schwerkranke oder der Verunfallte mit dauerhaften Leiden nimmt (mehr denn je) soziale Kälte wahr, nicht Wertschätzung und liebevolle Betreuung (4). Die zahlreichen Veranstaltungen zu Integration und Inklusion würden Makulatur, irgendwann Gesetze zur Gleichbehandlung von Menschen mit Behinderung neu formuliert oder abgeschafft.

Es sollten die Stimmen lauter und argumentativ stärker werden, die sich für Menschen mit Behinderung und ihre Familien in der öffentlichen Auseinandersetzung engagieren. Bezogen auf Sterbehilfe kommt mir die Aussage „Die Sensibilisierung unserer Gesellschaft für Menschen mit Behinderung hat Fortschritte gemacht“ sehr fragwürdig vor (5).

Möglicherweise sind nun jene Leserinnen und Leser ungeduldig oder enttäuscht, die aus dem Leben zu scheiden fest entschlossen sind und unter der Überschrift „Sterbehilfe“ auf einen Tipp für stilvolles Finale hofften. Mag ein Bericht des ärztlichen Sterbehelfers Uwe-Christian Arnold, Deutschland, dienlich sein. Für eine praxisorientierte Idee gebührt dem Mann mit der „Rolle eines Gentlemans, der den Tod bringt“, Dank. Er sucht an einem Sonntagabend letztmalig Frau S. auf. „Als sie die Medikamente zu sich nahm, war es kurz nach acht. `Gleich kommt der Tatort´, sagte Frau S. und drückte auf die Tastatur ihrer Fernbedienung. Den Tatort habe sie nie verpasst, erklärte sie mir. Kurz darauf wurde sie müde. Die Titelmusik war kaum verklungen, da befand sie sich schon im Tiefschlaf. Es dauerte nicht lange, bis ich ihren Tod feststellen konnte.“ (6)

©Susi Ungricht Rex

  1. Begleiteter Freitod. Es ist Zeit für eine bessere Lösung. Gastkommentar in der NZZ vom 17. Dezember 2016
  2. Es gibt kein gutes Töten. In: Robert Spaemann, Gerrit Hohendorf, Fuat S. Oduncu: Vom guten Sterben. Freiburg im Breisgau 2015, S. 168. - Diesem Buch verdanke ich manche Anregungen und Informationen für diesen Beitrag. Beispiele über lukrative, lebensverlängernde Massnahmen schildert ausführlich der Palliativmediziner Matthias Thöns in seinem Buch: „Patient ohne Verfügung.“ Das Geschäft mit dem Lebensende. München 20163.
  3. In: A Kantian care ethics suicide duty, S. 373, zit. aus (2), S. 100. Mit Schaudern, wie mir scheint, verweist Hans Küng in „Glücklich sterben?“ auf Studien, denen zufolge die Zahl der Menschen mit Alzheimer und verwandten Erkrankungen von derzeit 44 Millionen Menschen bis 2050 auf schätzungsweise 135 Millionen ansteigen werde. München 2014, S. 125
  4. Wie sehr sie einen Schwerkranken immer wieder mal beglücken kann, schildert Inge Jens, Ehefrau des Tübinger Rhetorikprofessors und Literaturwissenschaftlers Walter Jens, in: Langsames Entschwinden. Vom Leben mit einem Demenzkranken. Reinbek bei Hamburg 2016
  5. So leitet Gülcan Akkaya, Dozentin an der Hochschule Luzern, ihren Gastkommentar „Behinderung und Recht auf Inklusion“ in der NZZ vom 25.10.2016 ein.
  6. Aus (2), S. 111. Fettdruck von mir

Vgl. Euthanasie. Archiv 3. Mai 2013

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