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Liebe Eltern, liebe KollegInnen,
verehrte Gäste

So viel Normalität in der Erziehung wie eben möglich: Die grosse Audiopädagogin Morag Clark kämpft seit langem für diesen Leitsatz und seine Umsetzung, wenn es um hörgeschädigte Kinder und Jugendliche geht. Sie sollen kaum anders behandelt werden als ihre guthörenden AltersgefährtInnen.

Die Praxis weicht hiervon oft erheblich ab. Ängste, ob das Kind es schaffen kann, Sorgen vor Fehlern der PädagogInnen, Vermutung oder Aufbauschung von Risiken, die gewöhnlich keine Rolle spielen, Hervorhebung von Pannen und Unfallgefahren, die angeblich jüngst fast zu einer Tragödie geführt hätten. Im Umkehrschluss könnte man meinen, dass beispielsweise Klassenlager mit guthörenden SchülerInnen perfekt nach Plan ablaufen, dass niemals jemand sich verletzt, verspätet, von Übelkeit geplagt oder gehänselt wird, etwas verwechselt, verliert oder von vornherein vergessen hat. Heimweh ein Fremdwort, das Essen lecker, die Stimmung hervorragend, Pflichterfüllung selbstverständlich.

Tatsächlich ist die Welt der Klassen- und Skilager, der Ausflüge und anderer Veranstaltungen nicht ganz so heil. Unvorhersehbares und Schwierigkeiten gehören dazu. Ein hörgeschädigtes Kind, so eine gängige Befürchtung,  macht womöglich das Unternehmen nochmals komplizierter – mit zusätzlichen Missverständnissen und unangenehmen Überraschungen sowie besonderen Anforderungen. Ein solches Kind fernzuhalten, zu seinem Wohl, wie es üblicherweise dann heisst, kann ein bequemer Ausweg sein. Es gibt ihn, aber nach meinen Erfahrungen überwiegen Scheu und die Sorge, der Aufgabe nicht gewachsen zu sein, aus Unwissenheit falsch zu handeln und für etwaige Schäden obendrein haften zu müssen. Vorsicht, mahnen gewitzte Routiniers agile junge KollegInnen. So verbreitet sich eine Haltung konträr zu unserer Verfassung und zum Ideal der Inklusion.

Wenn allen Bedenken zum Trotz die Teilnahme des hörgeschädigten Kindes oder Jugendlichen erfolgt, zeigt sich oft im Nachhinein, dass bei Beachtung weniger und einfacher Tipps die Integration problemlos war, die Verantwortlichen stolz und entschlossen sind, künftig wie selbstverständlich, ohne umständliche Beratungen, ihren Schützling einzubinden. Gute Ausleuchtung, eventuell FM-Anlage, Vergewisserung, ob die Aussage verstanden ist, deutliche Aussprache und Position der Lehrperson dergestalt, dass es möglich ist, von ihren Lippen abzulesen – mehr braucht es nicht, sofern kein weiteres Handicap gegeben ist.

Mehrfachbehinderung ist kein genereller Grund, von Events abzusehen, aber anspruchsvoller in Planung und Durchführung, auch einschränkender. Eine Bergwanderung kann Hörbehinderte erfreuen; für Rollstuhlfahrer ist sie ungeeignet. Die Audiopädagogische Praxis war im November auf einem Bauernhof, um mit Kindern teils mit, teils ohne Handicap, teils sogar mit zwei oder sogar drei Handicaps gemeinsam den „Goldenen Apfel“ zu suchen, inspiriert von einer schönen Geschichte. Für Januar 2017 ist eine geschlossene Veranstaltung an einem frühen Abend im Landesmuseum in Zürich vorbereitet. Im Februar steht wieder ein Besuch im Theater am Hechtplatz, Zürich, auf dem Programm, zusammen mit Klassen von Regelschulen aus dem Zürcher Ober- und Unterland. Gerade bei kognitiv Schwachen sollte der Inhalt des Stücks frühzeitig und ausführlich genug besprochen sein. Spontan bringen solche Aktivitäten nicht den erhofften Gewinn an Erkenntnis und Genuss.

Tatkräftig und mutig Barrieren für Inklusion einzureissen, dazu könnte das Motto passen: Im Zweifel für Normalität. Vielleicht gewagt, leite ich es von dem juristischen Grundsatz ab: Im Zweifel für den Angeklagten. Selbst wenn er verdächtig, ihm die Tat aber nicht nachweisbar ist, darf ihn in Rechtsstaaten kein Gericht verurteilen. Dieses Prinzip schützt gegebenenfalls keinen Unschuldigen, sondern den Täter. Es führt vielleicht zu einem ungerechten Urteil. Aber dieses Risiko wird allgemein gebilligt, sorgfältige Versuche vorausgesetzt, die Wahrheit herauszufinden und zu beweisen.

Analog sollte bezüglich der Erziehung hörgeschädigter Kinder (wie normalhörender Kinder) klar sein, dass 100%ige Sicherheit für das Vorgehen nicht zu erlangen ist. Entscheide sind jedoch nötig, und zwar in angemessener Frist. Irgendwann sind Kindergarten- und Schulzeit vorbei und Chancen vergeben. Langes Zaudern und Untätigkeit können vergleichbar unterlassener Hilfeleistung ein schweres Vergehen bilden. Separation benachteiligt betroffene Kinder und ist nur ausnahmsweise zu dulden, etwa bei ansteckender Krankheit und insoweit in völliger Übereinstimmung mit der Idee der Normalität, der für alle Kinder gültigen Regel. Ohne solche spezielle Begründung verstösst Ausgrenzung gegen den gesellschaftlichen Auftrag der Inklusion.

Anstatt jenen das Feld zu überlassen, die gern skeptisch auflisten, was alles schiefgehen kann, sollten in Firmen, Schulen und Vereinen positiv Denkende das Zepter übernehmen: Was wollen wir erreichen? Was tun wir am besten, um Gehörlose und Hörbeeinträchtigte einzubeziehen? Siehe da: Vieles ist machbar. Das diffuse Gefühl der Überforderung verliert, die Einstellung ändert sich, die Qualifikation steigt und der von Coaches beschworene Teamgeist legt zu. Allzu optimistisch? Nein, sehr wahrscheinlich.

©Susi Ungricht REX