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Kaum wird gröberes Fehlverhalten einer prominenten Person nur als wahrscheinlich bekannt, kaum gibt es Anzeichen eines Skandals in Politik, Wirtschaft, Sport oder Kultur, füllen sich Leserbriefspalten hierzu. Während die meisten professionellen Beobachterinnen und Ermittler noch von „Anfangsverdacht“ sprechen, sind etliche Absenderinnen und Absender bereits weiter und vermögen mit irritierender Klarheit zu urteilen, oft zu verurteilen. Vorsichtige Ausdrucksweise liegt ihnen fern, ebenso Geduld und Mühe, Detailkenntnis zu erlangen.

Diese Tendenz fördern manche Medien, indem sie die klassische Trennung von Nachricht und Kommentar aufweichen, zuweilen unauffällig, bei flüchtiger Lektüre nicht bemerkbar. Endlich ist so ein hübsches Wort, mit dem unterschwellig negative Einschätzung suggeriert werden kann –der Gemeinde- oder Vereinspräsidentin, die angeblich zu spät reagierte, des Trainers oder Managers, der früher hätte Stellung nehmen sollen.

Zuschriften von Privaten deuten häufig an, dass jemand Dampf ablassen möchte. Ärger und Frustration eignen sich vorzüglich als Motive für spontane Äusserungen und hasserfüllte Bemerkungen. Darüber hinaus, wenn nicht zuvorderst ist eine öffentliche Affäre wie geschaffen, ein verbreitetes Bedürfnis zu befriedigen, nämlich die Sehnsucht nach moralischer Überlegenheit zu stillen. Diese Sehnsucht, so meint der Schriftsteller Franz Werfel (1890 – 1945), beeinflusse sehr menschliches Handeln.

Sie kann zu Ignoranz von Fakten, voreiligen Schlüssen und raschen, ungeklärten Vorwürfen führen, zu Überheblichkeit, Abkehr von Debatten, Besserwisserei, Bevormundung und Intoleranz. Vielleicht wächst diese Gefahr mit zunehmender Komplexität, werden Vereinfachung und Übersichtlichkeit attraktiver, wenn das allgemeine Wissen immer schneller immer umfangreicher wird. Doch eine solche Deutung mutet fallweise naiv an. Wie Werfel als Jude und wegen des Nationalsozialismus Emigrierter erfuhr, ermöglicht Deklaration moralischer Überlegenheit, niedere, üble Instinkte zu wecken und zu Verbrechen, sogar zu Völkermord zu verleiten.

In der Schweiz hat es Tradition, nicht nur Gleichgesinnten zuzuhören, sondern auch Aussenseitern und Gegnern. Vielfältige Ideen und Vorschläge aufzugreifen, um möglichst die beste Lösung zu finden und zu realisieren, fördert Innovation und die Chance auf guten Rang im Wettbewerb. Dogmatiker sind suspekt. Ebenso erginge es Menschen, die sich als überdurchschnittlich wertvoll darzustellen versuchten, wegen ihres Charakters oder ihrer ethischen Haltung. Auch nur halbwegs Gescheite sehen selbst bei entsprechender Eigenwahrnehmung hiervon ab. Erstens würde dergleichen negativ wirken, und zweitens würde ein solches Profil zu intensiver Fehlersuche animieren. Irgendeine Unschicklichkeit, fern einer Gesetzesüberschreitung, liesse sich gewiss finden und als Skandal im Internet herausstellen, dem Pranger unserer Zeit. Es „kann am Ende jeder fertiggemacht werden“, befürchtet Zeit-Chefredaktor Giovanni di Lorenzo (Leitartikel vom 11.10.2012) und warnt, Hegel zitierend, vor einer Tugend, „die bloß von der Gesinnung aus regiert“. Sie führe für den Philosophen direkt in den Tugendterror.

Sachliche Auseinandersetzungen mit und Konsultationen von fachlich Überlegenen mit der weltanschaulich oder wertemässig falschen Einstellung erübrigen sich für Andersdenkende, insoweit sie von vornherein nichts Positives erwarten. Anstatt angeregter Debatten erleben manche Berufstätige eher nervenaufreibende Streitereien. Dass das Arzt-Patienten-Verhältnis mehr als auch schon auf der Agenda steht (s. Rubrik Veranstaltungen), hängt vermutlich mit der aktuellen Entwicklung zu stärkerer Gewichtung der Gesinnung zusammen. Laut Feuilletonartikeln nehmen Angriffe und Proteste von Ideologen gegen missliebige Kunstausstellungen und Theateraufführungen zu, verliert die Freiheit von Lehre und Meinungsäusserung an Universitäten in Berlin, Paris und den USA. Die 68er kämpften gegen Autoritäten – des sogenannten Establishments oder der falschen Seite - und für mehr persönliche Rechte. Fünfzig Jahre später sind neue Einengungen und Vorschriften oder sogar Opfer, wenn sie für die gute Sache vorteilhaft scheinen, nicht mehr tabu, im Gegenteil: Kommunikativ begabte Kräfte beanspruchen auf diversen Gebieten, der Allgemeinheit die Richtung zu weisen, und erringen Vertrauen, Meinungsführerschaft und Gefolgschaft. Gern betonen diese Engagierten besondere moralische Qualität ihres Ziels.

Dieses Umfeld sollte einbeziehen, wer sich mit Entscheiden heute zu Gesundheit, Krankheit und Handicap beschäftigt (vgl. „Konflikt“, Archiv 1. März 2018). Ob es beispielsweise um „Körperoptimierung“ mittels Operation, einseitige oder Mangelernährung Jugendlicher oder eben um Gehörlosigkeit geht, teils aus Gründen der Gesinnung, teils aus völlig anderen Interessen melden sich Influencer, Funktionärinnen, Reporterinnen, Moderatoren von Shows, Sektenführer und andere, in der Regel medizinisch nicht Ausgebildete und nur selten Erfahrene. Eine bunte Gruppe konkurrenziert die Ärzteschaft bei Empfehlungen. Zählt dabei wenig, dass der Rat der einen meist allgemein und für Einzelfälle unverbindlich, der der anderen hingegen individuell erteilt ist, mit Verantwortung, Beweis und Haftung? Der „Herrgott in Weiss“ hat (weitgehend) ausgedient, erfreulicherweise. Dass sich Laien emanzipieren, indem sie irgendwo Gelesenes zu heikler Eigendiagnose nutzen, sollte niemand begrüssen. Um es spöttisch mit dem Praxisbericht eines Reutlinger Arztes zu illustrieren: „Glauben Sie mir – ich weiß es aus dem Internet“, erklärte die selbstbewusste Neupatientin, die ungewohnt oft Wasser lassen musste, und fügte hinzu: „Es ist meine Prostata“ (MMW 20 / 2017, S. 30).

©Susi Ungricht REX

 

 

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