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Liebe Eltern, liebe KollegInnen,
verehrte Gäste

„Erst im Kindergartenalter wurde Hörschädigung erkannt.“ Wird hier von einem Armutsland erzählt, in dem Bekämpfung von Hunger und Seuchen mit bescheidenen Mitteln zuvorderst, Handicaps und weniger gravierende gesundheitliche Probleme notabene weiter hinten stehen? Geht es um ein Umfeld, das Behinderung zu vertuschen sucht? Oder um Fatalisten, gering Gebildete, Drogenabhängige? Nein, keineswegs.

Alle diese Ursachen und Motive müssten aufrütteln und dürfen nicht wohlfeil zur Hinnahme schlimmer Schicksale und Benachteiligungen führen. Wie schön wäre es, könnte man im Kampf für Besserung mit positiven Gegenbeispielen aufwarten, aus Ländern mit Aufklärung und Erfahrung, mit hohen medizinischen und pädagogischen Standards, also etwa aus der Schweiz. Doch Vorsicht ist geboten, Stolz wegen Mängeln bei uns nicht angebracht.

Das Zitat eingangs ist nicht historisch, sondern aktuell. Ein Vater, Akademiker, wohnhaft im Kanton Zürich, schilderte mir kürzlich die Leidensgeschichte seiner Tochter. Was sie erlebte, stimmt traurig und empört. Dem Bericht zufolge geht es nicht um Irrtum nach sorgfältiger Auseinandersetzung mit Beschwernissen der Patientin. Vielmehr wendeten Kinderärzte Basiswissen, das ihnen zu eigen sein sollte, einfach nicht an. Sie hatten an einem Spital vor wenigen Jahren leicht erkennbare Anzeichen missachtet, dass das Mädchen hörgeschädigt sein könne. Untersuchung wurde unterlassen. Einbezug von HNO-Ärzten und Austausch mit ihnen fand nicht statt. Ohne Diagnose gab es keine Hilfe, stattdessen Unsicherheit und Frustration besonders wegen Schwierigkeiten bei der Sprachentwicklung. Erst ein Hausarzt habe empfohlen, das zuletzt beim Säugling geprüfte Hörvermögen zu testen. Es erweist sich derzeit als um 40% reduziert.

Für das Lernen wichtige Jahre waren mit erheblichen und zum grössten Teil überflüssigen Einschränkungen verknüpft, weil Symptome nicht beachtet und gedeutet wurden, der Zusammenhang der Fähigkeit des Hörens und Sprechens immer noch nicht ausreichend bewusst ist und die Umsicht, wie sie sich beispielsweise mit fortlaufenden Krebs- oder Zahnkontrollen ausdrückt, für den Hörsinn selbst bei heiklen Anzeichen kaum praktiziert wird.

Der Vater ist verständlicherweise besorgt. Seine Tochter hat lange und meist erfolgreich versucht, mit Raffinesse Hürden in der Kommunikation zu überwinden. Das Mädchen schaffte es dank seiner kognitiven Begabung, gute, wenn auch nicht bestmögliche Noten zu erlangen. Aber sie verschlechtern sich. Tricks helfen nicht mehr.

Es ist wichtig, dass die Schülerin ähnlich wie andere ihre Anstrengungen auf die Inhalte des Unterrichts konzentrieren kann und nicht wesentlich auf das akustische Verstehen lenken muss. Orientierung von Lehrpersonen und Mitschülern, geeignete Platzierung im Klassenzimmer, vorteilhafte Raumakustik und Ausleuchtung sowie FM-Anlage, Klärung, wie im Mündlichen, zum Beispiel bei Diktaten etc., zu verfahren ist, zählen zu vorrangigen Aufgaben bei weiterem Besuch der Regelschule. (Bei Sonderschulen halte ich Beachtung der genannten Punkte für selbstverständlich.) Ferner ist individuell die – leider sehr verspätete - Suche nach der optimalen medizinischen und technischen Lösung der Hörschädigung dringlich. Bedauerlicher-, aber konsequenterweise ist auch jetzt erst die Initiative für Therapie im Sinne der auditiv-verbalen Methode möglich, also einer Schulung durch eine Fachkraft, die die mittlerweile Jugendliche unterstützt, gehörte Wörter, Gesänge  und Signale in ihrer Bedeutung zu erfassen.

Es kann noch viel gelingen. Allerdings ist nach allgemeiner Beobachtung die Kehrtwende gefährdet, wenn etliche, Geduld erfordernde Veränderungen und gelegentliche Rückschläge ausgerechnet in der Pubertät die Psyche belasten, Selbstwertgefühl und Motivation zu mindern drohen.

Ja, die Debatte über unnötige Untersuchungen, Operationen und Einholung einer Zweitmeinung in unserer Gesellschaft ist angezeigt, aber oft einseitig. Denn von Kostensteigerungen bei Krankenversicherungen durch Verzögerungen und später nur zu höherem Preis Korrigierbarem, sofern Heilung dann überhaupt noch möglich ist, spricht kaum jemand, vielleicht weil es je nach Standpunkt nicht passt, vielleicht weil es hierzu keine Nachweise gibt.

Alter Hafenkäse, was dieser Text bietet, mag die Stammleserschaft denken, mögen manche Fachleute und Betroffene kritisieren. Aber das zugrunde gelegte Gespräch fand tatsächlich in 2018 statt, und ich glaube nicht, dass dieser Fall einmalig ist. Allen Artikeln, Broschüren, Tagungen und Vorträgen zum Trotz laden einzelne Verantwortliche in Medizin und Pädagogik immer noch Schuld auf sich, indem sie es versäumen, beizeiten (das Risiko der) Hörschädigung zu erkennen und Schlüsse hieraus zu ziehen oder sie zu empfehlen. Hörbeeinträchtigte werden dann zu Opfern. Sie  müssen ungefragt mit einer Hörqualität unterhalb der jeweils erzielbaren zurechtkommen, u.a. mit Folgen im Berufsleben beziehungsweise überdurchschnittlicher Arbeitslosigkeit, insoweit auch mit negativen Konsequenzen für die Solidargemeinschaft.

Verbände und Personen, die Bescheid wissen, sollten nicht ruhen. Sie  dürfen  zugunsten allenfalls mässig informierter Angehöriger und eventuell schlecht beratener und behandelter Gehörloser und Hörbehinderter nicht davor zurückschrecken, aus Sicht von Fortgeschrittenen, Expertinnen und Experten Wiederholungen zu wagen. Alljährlich sind Eltern, Verunfallte und andere erstmals mit Hörproblemen konfrontiert.

©Susi Ungricht REX

 

 

 

 

 

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