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Am 15. Mai 2014 trat die UN-Behindertenrechtskonvention in der Schweiz in Kraft. Unser Land ratifizierte sie als 144. Staat. Diese Konvention, verabschiedet an der Generalversammlung der Vereinten Nationen am 13. Dezember 2006, bildet einen Meilenstein bei der Neuausrichtung zum Umgang mit behinderten Menschen: Weg von der ausschliesslich individuellen, defizitorientierten Sicht hin zur Einbeziehung von Gesellschaft und Umwelt. Es sollten überwindbare Barrieren aus der Welt geschafft werden - Barrieren in den Köpfen von Menschen mit und ohne Handicap, infolge schlechter Ausrüstung, zu der es hilfreiche Alternativen gibt, oder mittels nachteiliger Regelungen.

Ziel war Vermeidung von Exklusion, wo immer möglich, neu hierbei der Rechtsanspruch Betroffener. Im März 2017 erregte das erste Urteil in der Schweiz zu diesem Thema Aufsehen. Das Gericht kam zu dem Ergebnis, dass ein Bad einer Gruppe von Behinderten - allein wegen ihres Handicaps - zu Unrecht den Zutritt verweigert hatte. Natürlich muss ein Bad alle, die Einlass begehren, bei drohender Überfüllung abweisen, aber dann eben alle. Es kann auch temporär nur für Mitglieder eines Sportvereins, die trainieren wollen, geöffnet sein. Ausgrenzung per se zu verteufeln, wie es in manchen Referaten tönt, ist ideologisch. Der Kontext ist entscheidend. Schon die Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 18. Dezember 1998 steckt in Artikel 8, Rechtsgleichheit, den Rahmen ab:

Absatz 2:
Niemand darf diskriminiert werden, namentlich nicht wegen der Herkunft, der Rasse, des Geschlechts, des Alters, der Sprache, der sozialen Stellung, der Lebensform, der religiösen, weltanschaulichen oder politischen Überzeugung oder wegen einer körperlichen, geistigen oder psychischen Behinderung.

Absatz 4:
Das Gesetz sieht Massnahmen zur Beseitigung von Benachteiligungen der Behinderten vor.

Werteten die Verantwortlichen des Bads diese Grundrechte als schöne Worte ohne wahre Bedeutung? Sie wirken gestrig und stur, ohne Gespür für den Meinungswandel der Öffentlichkeit. Ungeachtet ihrer persönlichen Einstellung erkennen moderne Führungskräfte, dass sie mit positiver Haltung zu Inklusion Sympathien für ihre Organisationen und Unternehmen gewinnen, vielleicht sogar direkt an Umsatz.

Mit merkbarem Stolz verkündete die Credit Suisse im März 2017, alle ihre Filialen in der Schweiz seien mit Höranlagen ausgestattet. Auch biete die Bank an, zu Beratungsgesprächen einen Gebärdensprachdolmetscher unentgeltlich hinzuzuziehen. Sie rühmt sich weltweiter Vorreiterrolle. Oder schauen wir beispielhaft auf den Detailhandel: Möglichkeiten zu sitzen und auszuruhen, Erreichbarkeit ohne Stufen, breite Gänge ohne Stolpergefahr durch herumliegende Kartons, gute, blendfreie Ausleuchtung, beim Lift Ansage der Etage, kontrastreiche Beschriftung in angenehmer Grösse, Einkaufswagen mit Lupe, Ausrufe ohne Störgeräusche, Alarmmelder akustisch und optisch, eindeutige Orientierung, Hilfestellung bei unhandlicher, unten oder weit oben im Regal gelagerter Ware, übersichtliche, dauerhafte Anordnung – in einem solchen Geschäft kaufen Beeinträchtigte gewiss lieber ein als in einem Laden, der sich keinen Deut um dergleichen schert. Zur Aufmerksamkeit für Menschen mit Behinderung muss Wissen um ihre Belange hinzukommen.

Das Interesse, Kenntnisse zu vermitteln und zu erlangen, hat markant zugenommen, sowohl in Fachkreisen, bei denen es vorauszusetzen ist, als auch beim breiten Publikum. An der Universität Zürich gibt es zu Behinderungen in diesem Frühjahr gleich zwei Vortragsreihen, eine direkt in Zusammenarbeit mit INSOS, eine indirekt vom Zentrum für Gerontologie, die viele Aspekte von Beeinträchtigung behandelt. Das Kunsthaus Zürich überschrieb seinen Tag der offenen Tür am 1. April 2017 „Kunst und Integration“. Es bot spezielle Veranstaltungen für Hör- und Sehbehinderte sowie Demente. Der Fachverband Sonos brachte kürzlich die sehr empfehlenswerte Broschüre „Barrierefreie Schulhäuser“ heraus. Sie informiert unkompliziert, wie Laien und Fachleute den Schulalltag für Hörgeschädigte verbessern können. Auch Pro Audito wendet sich nicht nur an Betroffene, sondern darüber hinaus an Guthörende, damit sie Menschen mit Hörproblemen das Leben erleichtern. Inklusion soll Teilhabe eines Menschen mit Handicap entsprechend seinem freien Willen ermöglichen, so wie beim gesunden Menschen.

Vielleicht bilden sich künftig „Beratungsbüros für Barrierefreiheit“, Büros mit der Kompetenz, für verschiedene Behinderungen Bauherren, Schulpflegen, KMU-Chefinnen, die Menschen mit Handicap anstellen, und anderen Interessierten das zweckmässige Vorgehen zu empfehlen. Mühsames Erkundigen an mehreren Stellen, womöglich mit widersprüchlichen Auskünften, würde entfallen. Sollte es einst üblich sein, dass sich Firmen und Institutionen in Berichten und an Versammlungen für inklusive Aktivitäten oder Unterlassungen so rechtfertigen wie heute oft für ökologisches Verhalten, wäre den Bürogründern ein stürmischer Geschäftsverlauf vorherzusagen.

Das Wissen um die besonderen Bedürfnisse umzusetzen, kostet Geld. Deshalb war eine Partei 2014 gegen die – späte  - Anerkennung der Behindertenrechtskonvention. Spezielle medizinische Leistungen, FM- und Induktionsanlagen, Fahrdienste, Rampen, professionelle Begleitung, Therapien usw. usf. kosten, und zwar insoweit mehr als früher, als die Realisierung nicht länger von Wohlwollen abhängt, sondern einklagbar ist und damit erfahrungsgemäss häufiger erfolgt, nicht zuletzt vorbeugend, um dem Risiko eines Prozesses zu entgehen. Aber stimmt die Rechnung? Wer sich auf diese Frage einlässt und humane und gesetzliche Gesichtspunkte für den Moment beiseite lässt, kann jener Partei nicht beipflichten. Wenn Inklusion gelingt, schafft sie nicht nur immateriellen, mit Zahlen nicht nachweisbaren Mehrwert, sondern auch materiellen.

  • Die Invalidenversicherung verzeichnet weniger Neurenten.
  • Der Staat erzielt höhere Steuereinnahmen durch Menschen mit Handicap, die beruflich integriert sind.
  • Ebenso profitieren die Unfall- sowie die Alters- und Hinterbliebenenversicherung (AHV).
  • Die Arbeitgeber gewinnen motiviertes Personal.
  • Depressionen und andere psychische Erkrankungen, die teilweise mit Vereinsamung infolge erheblicher Sinnesbeeinträchtigung zusammenhängen, sollten zurückgehen, wenn Hör- und Sehschäden zumindest abgefedert werden, und damit Aufwendungen bei entsprechenden Diensten bzw. Versicherungen reduziert werden.
  • Etliche Massnahmen, die für Menschen mit Handicap gefordert werden oder eingeführt sind, kommen auch Gesunden und vorübergehend Kranken zugute: das grosszügige WC im Zug Erziehenden mit Kind, der bequeme Einstieg in das Tram Leuten mit Kniebeschwerden oder Gepäck, der Lift nach einem Skiunfall an Krücken Gehenden, der schriftliche Hinweis auf die nächste Station im Postauto fremden Reisenden, ferner gute Weginformationen, Zustelldienste von Supermärkten, spezialisierte Kliniken und Arztpraxen etc.

 

Jenseits der Rechenkünste ist zu registrieren, dass der Verfassungsauftrag unzweifelhaft formuliert ist. Wer wegen der Finanzen hieran rüttelt, nimmt diesen Auftrag meines Erachtens nicht ernst (genug). Allerdings, einen Freibrief auszustellen, wäre verfehlt. Auch in diesem Bereich sind Sorgfalt und Kontrolle zwingend, kritische Hinweise zu heiklen Entwicklungen zu begrüssen.

Der Wandel führt zu Diskussionen aus unterschiedlichen Positionen. In Sonderschulen und -werkstätten Tätige fühlen sich in ihrer Existenz durch Inklusion bedroht und somit als Verlierer. Als Bestätigung mögen sie die Schliessung der Hörbehindertenschule Hohenrain auffassen, nach Rückgang der Schülerzahlen von rund 120 vor gut zwanzig Jahren auf zuletzt elf. Andere Diskutanten überlegen, teils schon seit Jahren und mit diversen Kurswechseln, wie inklusive Pädagogik funktionieren kann und neue Benachteiligung vermeidet. Schliesslich haben viele Eltern den Eindruck, ihr sogenannt normales Kind erhalte Unterricht von geringer Qualität, weil die Lehrperson an der Regelschule sich neu hauptsächlich um früher separierte Mitschüler kümmern müsse. Die in unserer Verfassung postulierte Sorge um „eine möglichst grosse Chancengleichheit“ (Artikel 2, Absatz 3) werde pervertiert. Manche fragen, wie weit Inklusion gelten solle. Ein Pilot hatte im März 2015 den Ermittlungen zufolge willentlich sein Flugzeug in den französischen Alpen mit 150 Menschen an Bord abstürzen lassen, ein Pilot, der in psychologischer Behandlung gewesen und suizidgefährdet war: Ist es richtig, in einem solchen Fall – eventuell temporär – auf Exklusion zu verzichten? Wie verhält es sich bei bewaffneten Polizisten? Wäre bei Ausschluss psychisch Behinderter á la Pilot von Diskriminierung zu reden?

Von ihr spricht man nicht bei jeder Einschränkung. Im Prinzip ist sie bezüglich der Geschäftsfähigkeit anerkannt, um Menschen zu schützen, deren kognitive Begabung unzureichende Urteilskraft befürchten oder erwarten lässt. Die Gesellschaft trägt Verantwortung dafür, Betroffene, Angehörige und Unbeteiligte vor Unheil zu bewahren, nötigenfalls mittels Vormundschaft. Gerade Idealisten sollten dafür eintreten, dass Inklusion nicht zum Vorwand für ein billiges Verfahren des Wegschauens missbraucht wird, sondern auf die Pflicht zur Fürsorge pochen.

Die Idee der Inklusion ist nicht mehr so umstritten wie auch schon, aber noch nicht selbstverständlich. Wer sie zum ausnahmslos gültigen Dogma erhebt – übrigens im Gegensatz zur berühmten, inklusive Pädagogik
befeuernden Salamanca-Erklärung von 1994 (s. Archiv 12. Januar 2012) - , wird der Vielfalt von Menschen und Leben nicht gerecht und schafft kontraproduktiv. Aber dies mag zum Übergangsstadium gehören. Die positiven Beobachtungen überwiegen und stimmen hoffnungsfroh. Interesse, Wissen und Bereitschaft der Umsetzung nehmen zu, begünstigt durch die alternde Gesellschaft. Dieser Wandel bringt Irritationen, Unsicherheiten und Übertreibungen mit sich. Hierzu zählt, dass man meinen könnte, in unserem Land seien Diskriminierte klar in der Mehrheit.

Wer sich übervorteilt wähnt, beansprucht, diskriminiert zu sein, mal mehr, mal weniger wehleidig: Sportlerinnen, die mit dem Schiedsrichterentscheid hadern, auswärtige Vereine, die über zu kleines Kartenkontingent klagen, Regionen, deren Infrastruktur weniger schnell als andernorts verbessert wird, Bauherren, die teurer als die Nachbarn finanzieren, Frauen, die bei der Coiffeuse mehr als Männer zahlen, Künstler, die nur spärliches oder negatives Medienecho finden, Kinder, die abends um acht Uhr schlafen sollen. Um es auf die Spitze zu treiben: Da Minderheiten prädestiniert sind, diskriminiert zu sein, sind wir am Ende vollständig ein Volk von Benachteiligten. Oje!

Diskriminierung ist ein wichtiger Begriff bei der Auseinandersetzung mit und für Menschen mit Behinderung. Seine Entwertung ist bedauerlich. Die Tendenz zur Worthülse könnte ausdrücken, dass besondere Anstrengungen obsolet sind, um das schwere Schicksal zu meistern oder wenigstens zu erleichtern. Seien wir achtsam mit der Sprache.

©Susi Ungricht REX

 

 

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