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Hörbeeinträchtigt? Hörbehindert? Hörgeschädigt? Schon zu Zeiten meines (Zweit-)Studiums an der Hochschule für Heilpädagogik, vor bald dreissig Jahren, rangen manche mit Eifer darum, das passende Wort zu finden. Es soll weder verletzen noch verniedlichen, von den Betroffenen akzeptiert und der Allgemeinheit verstanden sein. Die Wortsuche konnte sehr aufwendig werden. Doch einer einflussreichen Minderheit galt diese Aufgabe als bedeutsam. Im Ausbildungskanon war ihr ein wertvoller Platz sicher.

Die Aufmerksamkeit für dieses Thema hat in manchen Kreisen nicht nachgelassen, sondern ist heute höher denn je. Aus vermutlich intensiven Diskussionen resultierten in jüngster Zeit Namensänderungen zunächst eines Verbandes und dann einer Berufsschule. Hörbeeinträchtigt sei nunmehr angemessen, da nicht diskriminierend, erklärt der Verband. Die Berufsschule hat sich von der Hörschädigung verabschiedet. Kommt Freude darüber auf, dass sprachlich Sensible gekonnt auf aktuelle Entwicklungen der Rezeption reagieren oder ihnen vorauseilen?

In Begegnungen konstatiere ich Schulterzucken und Desinteresse und vernehme vereinzelt die böse Unterstellung, jemand wolle sich halt profilieren. Dies macht stutzig. Der Ressourceneinsatz soll ja nicht nur ausgewählten Linguisten und Poeten zugutekommen. Es wären mehr Beachtung und Wohlwollen für diese Anstrengungen bei jenen zu erwarten, die als Betroffene, Eltern oder Fachleute in Kliniken und bei Akustikern involviert sind. Ich befürchte, dass einige Funktionäre und Theoretiker Themen ohne Kenntnis von den Bedürfnissen ihrer Klientel in den Vordergrund rücken. Die Begriffsfragen – in gewissem Umfang - zu behandeln mag okay sein, trotz Zweifeln an der Ergiebigkeit. Aber dabei müssen die täglichen Sorgen und Nöte, wissenschaftliche und praxisnahe Informationen und Hilfen in der Wahrnehmung des „Publikums“ hauptsächlich bleiben. Hier scheinen sich Auffassungen zu scheiden.

Eine Ahnung, wie wenig solche Sprachübungen Menschen mit Handicap und deren Angehörige tangieren, vermittelt die Artikelserie „Mama bloggt“ von der Zeitschrift „imago“, dem Organ von Visoparents Schweiz, Elternvereinigung für Eltern von blinden, seh- und mehrfachbehinderten Kindern. Frisch, unterhaltsam und authentisch schildert Marianne Wüthrich, Zürich, verschiedene familiäre Situationen mit den drei Söhnen, mit Max (10 Jahre) und den siebenjährigen Zwillingen Tom und Leo. Max hat einen seltenen Gendefekt und ist zudem Autist. Die beiden jüngeren Buben sind sogenannt normal. Im Spital, auf dem Schulweg und dem Pausenplatz – mannigfaltig sind die Herausforderungen, die die Mutter mit sehr viel Humor, ohne Wehleidigkeit und unnötigen Ballast beschreibt. Gut vorstellbar, dass Leserinnen und Leser diese wunderbaren Texte einfach schmunzelnd geniessen, ungeachtet des inhaltlichen Ernsts. Die einen, mit ähnlichen Schwierigkeiten vertraut, mögen Widerspiegelungen entdecken, andere ihnen bis anhin unbekannte Seiten des Lebens.

Paradox wird es, wenn jemand über Erziehung doziert, aber die erfahrene Mutter den Eindruck gewinnt, die vorgetragene Lehre sei im Kern weltfremd und basiere zuvorderst auf Buchwissen mit geringem Praxisbezug. So ungefähr lässt sich der Bericht von einem für die Autorin ernüchternden Abend deuten. 

Gern empfehle ich die Artikel, mit Dank und Anerkennung, befangen insoweit, da ich Max einst betreute: http://www.visoparents.ch/zeitschrift-imago/mama-bloggt

Offenkundig ist die hohe Kunst ausbaufähig, für Zielgruppen und Öffentlichkeit das Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden und prägnant aufzutreten. Für wen und zu wessen Nutzen Kommunikationsbeauftragte schaffen (sollen bzw. wollen), bleibt leider oft dunkel.

©Susi Ungricht REX